FiBL - Forschungsinstitut für biologischen Landbau

Mittlere Mühle
Schinznach-Dorf


Fast ein halbes Jahrhundert ruhten die Mühlsteine der 1317 erstmals urkundlich erwähnten Mühle. Der heutige Eigentümer, Ulrich Hartmann, dessen Urgrossvater sie 1882 kaufte, hat nie aufgehört, für einen kleinen Kundenkreis zu mahlen. Er bedient sich des „neuen“, elektrisch betriebenen Walzenstuhls aus dem Jahr 1939. „Diese Anschaffung drängte sich damals auf, denn in jener Zeit des Mehranbaus und der Lebensmittelrationierung (Plan Wahlen) schafften wir die anfallende Arbeit mit den Mahlgängen allein nicht mehr. Trotz des neuen Walzenstuhls mahlten wi oft Tag und Nacht, unter strenger Kontrolle der Eidgenössischen Getreideverwaltung“, erinnert sich der Müller, und zeigt die sorgfältig geführten Kontrollbücher aus jener Zeit.

Mit Regierungsratsbeschluss vom 7. Mai 1948 wurden in Schinznach-Dorf sieben Objekte unter kantonalen Schutz gestellt, darunter das am Talbach gelegene Ensemble mit ehemaligem Armenhaus, ehemaliger Untervogtei und mittlerer Mühle. Dank der Schoggitaleraktion 1996 und der Gewährung eines Staatsbeitrages durch das Erziehungsdepartement des Kantons Aargau konnten 1997 Wasserrad und Mahlwerk in Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege restauriert und wieder in Betrieb genommen werden.
Ziel und Zweck des 1999 gegründeten Fördervereins „Werkstatt Schenkenbergertal“ ist die nachhaltige Entwicklung des Schenkenbergertals. Wichtig dabei ist die Schonung der Lebensgrundlagen und die Respektierung der Natur- und Kulturlandschaft. Es werden Projekte in Zusammenarbeit mit Natur- und Heimatschutz geplant und realisiert, sowie Erlebniswerkstätten aufgebaut und betrieben. Die Verarbeitung und Vermarktung von einheimischen Produkten soll Arbeitsplätze erhalten.
Lokale Handwerker und freiwillige Helfer restaurierten die Mühle, Landwirte aus dem Tal pflanzen die uralten Getreidesorten Einkorn, Emmer und Dinkel an, die in der Mühle gemahlen, und als Mehl, oder zu Teigwaren und Brot verarbeitet, zum Kauf angeboten werden. Ein Kurslokal mit Backstube wird das Erlebnis „Vom Korn zum Brot“ abrunden.

Die Mühle klappert wieder - was klappert denn da?

Das oberschlächtige Wasserrad aus dem Jahr 1925 wurde durch eine originalgetreue Neukonstruktion aus feuerverzinktem Stahl ersetzt. Eine Antriebswelle verbindet Wasserrad und Kegelrad des noch gut erhaltenen Winkelgetriebes, dessen Zahnräder immer Guss auf Holz laufen: die kleinen sind ganz aus Grauguss, bei den grossen ist nur das Gerippe aus Grauguss, während die Zähne aus Holz gefertigt sind (Hagebuche, Apfelbaum, Eiche).

Von den drei Mahlgängen (Röllgang / Schrotgang / Feinmahlgang), welche einst der Mühlstuhl mit den fünf aus Eichenbalken gedrechselten Säulen trug, ist noch der mittlere, der Schrotgang, erhalten. Sein Bodenstein liegt fest, das Mühleisen (die Läufer-Antriebswelle) dreht den Läufer(-stein), der zum Einstellen der Feinheit mittels eines Handrades mit Schneckenantrieb gehoben oder gesenkt werden kann. Die Mühlsteine sind aus weicheren (innen) und härteren (aussen) Steinen aus der Champagne zusammengesetzt, die mit Mörtel verbunden wurden. Dieser französische Quarzstein eignet sich besonders zum Mahlen von weichem bis mittelhartem Getreide wie Emmer, Einkorn und Dinkel (Spelzgetreide). Damit die Getreidekörner zerschnitten und nicht bloss zerquetscht werden, und damit das Mehl hinausgetrieben wird, müssen die einander zugekehrten Seiten der Steine mit geradlinigen Furchen behauen sein. „Scharfmacher“ nannte man die Handwerker, die einstmals von Mühle zu Mühle zogen, die Mühlsteine zu schärfen. Die zum Behauen verwendeten Hilfsmittel und Werkzeuge (Galgen, Scharfhaue oder Billhammer, Spitzhämmer, Kronhämmer) sind in der mittleren Mühle zu besichtigen.

Der Trichter

Was gemahlen werden soll, muss erst eine Treppe hinaufgetragen werden, denn der Trichter thront zuoberst. Rund hundert Kilogramm Mahlgut fasst er, das durch den Rütteltrog in das „Auge“ des Läufers befördert wird. Gerüttelt wird der Rütteltrog mittels der sich mit dem Mühleisen drehenden Vierschlagrosette, dem Rüttler. Das dabei entstehende Geräusch wird als „Klappern der Mühle“ besungen. Bei einer Stundenleistung von dreissig Kilogramm musste in Spitzenzeiten am Tag und in der Nacht gemahlen werden. War der Trichter fast leer, schellte eine Glocke den Müller aus dem Schlaf.

Historisches Getreide

Emmer (der Weizen der Bibel) und Einkorn, die Vorläufer des heutigen Weizens, wurden in Europa schon vor 4000 Jahren angebaut. Diese alten, auch zur Erhaltung genetischer Ressourcen wichtigen Getreidesorten sind von einer fest umhüllenden Spelze umschlossen (gilt auch für Dinkel), welche die Körner vor Krankheiten und Vogelfrass schützt. Die Spelzen fallen beim Dreschen nicht ab, sondern müssen in einem besonderen Arbeitsgang, dem Röllen, entfernt werden. Gegenüber dem Weizen liegt der Ertrag um rund zwei Drittel tiefer, bedingt durch den Verzicht auf Zuchtfortschritt und den hilfsstofffreien Anbau. - Intensiv bewirtschaftete Aecker neben isolierten Naturschutzgebieten, oder extensive Bewirtschaftung mit Emmer, Einkorn und Dinkel, vernetzt mit vielfältigen Buntbrachen? Diese Frage beantworten wir Konsumentinnen und Konsumenten mit unserem Einkaufsverhalten.

Die Umwelt mit allen Sinnen erleben

In der Mühle lauscht eine Schulklasse, wie das Wasser des Warmbaches (es ist nie kälter als 13 Grad Celsius) in den Zuflusskanal fliesst und ungenutzt vor dem Wasserrad in die Tiefe stürzt. Ein Kind zieht am Seil und schliesst damit das „Wasser-Ventil“: Atemlose Stille, - bis Wasserrad und Mahlwerk sich ächzend zu drehen beginnen.

In unserer hoch technisierten Gesellschaft wird es für Kinder immer schwieriger, Zusammenhänge zu verstehen. Sie kennen die fertigen Produkte, doch woher sie kommen ist kaum mehr überschaubar. „Wie fühlt sich Korn an, bevor es zwischen den Mühlsteinen zerschnitten wird, und wie schmeckt es nachher, als Mehl? Wie lebten die Menschen, die vor uns da waren? Dass Erlebnis, nicht Belehrung, zu wachsendem Interesse, nachhaltiger Bewusstseinsbildung und verantwortlichem Handeln führt, beweisen die vielfältigen Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Der Förderverein Werkstatt Schenkenbergertal lädt Sie ein, die Mühle zu besuchen.
Geführte Besichtigungen - ab 10 Personen - täglich; tagsüber und abends.

Anmeldungen nimmt entgegen:
Juergen Hoffmann
E-Mail: ejhoffmann@yetnet.ch
Telefon 056 443 10 48

Unterstützt von: REGIO PLUS (Impulsprogramm des Bundes zur Unterstützung des Strukturwandels im ländlichen Raum) www.regioplus.ch


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Last modified: 07.11.11
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